Flaniere jetzt in Paris!

Paris ist dekadent. Aus allen Poren strömt Verführung, es duftet aus den Boulangeries und dröhnt von den Straßen, die Schaufenster sind nicht halb so interessant wie die Menschen, die davor entlangeilen, als sei Stilsicherheit eine angeborene Selbstverständlichkeit. Ich fühle mich als Touristin entlarvt, das verräterische Kennzeichen sind die Turnschuhe an meinen Füßen. Doch ich plane eine mehrstündige Besichtigungstour. Stil hin oder her, das geht nicht anders.

Wie ein stolzer Gockel hat sich die Stadt für den Herbst herausgeputzt, der seine Ankunft in allen Straßen ankündigt. Überall strecken weiße Statuen ihre Gesichter in die letzten Sonnenstrahlen, nur wenige wenden sich ob dieser offensichtlichen Lust beschämt ab. Jedes Buchgeschäft scheint eine Galerie, jeder Straßenmaler ein Künstler zu sein. Dieser unmissverständliche Stolz, der mich wenigstens hier in der Innenstadt aus jeder Ecke zu treffen scheint, ist es wohl auch, der diese Stadt so verführerisch macht. Ein Selbstbewusstsein, dem ich nur allzu gerne Glauben schenke.

Dem englischen Führer mit seinem schwer verständlichen Dialekt höre ich nur mit halbem Ohr zu, wenn er die baulichen Besonderheiten des Notre Dame aufführt oder in wenigen Minuten 2000 Jahre französische Geschichte abreißt. Dabei sind seine Beiträge wirklich nicht schlecht; er ist halb Alleinunterhalter, halb Lehrer (ist das überhaupt ein Gegensatz...?). Doch ich bin zu sehr damit beschäftigt, die Stadt auf mich wirken zu lassen, diese Überfülle an Eindrücken in mir aufzusaugen und in Gedanken bereits in Worte zu fassen, um sie möglichst lange festhalten zu können.

Nach knapp zwei Stunden habe ich genug gehört und merke, wie meine Konzentration schwindet. Was es wissenswertes über den Palais Royal zu sagen gibt, werde ich wohl nachlesen müssen, denn ich bin innerlich aufgekratzt, seit ich aus dem Vorhof des Louvres die Spitze des Eiffelturmes erspäht habe. Leider ging die Tour erst einmal in die Gegenrichtung und ich seile mich zur Pause von der Gruppe ab, um mein eigenes Ziel zu verfolgen.

Im Jardin de Tuileries wieder antike (?) Statuen neben zeitgenössischer Kunst, an das Bild könnte ich mich schnell gewöhnen. Nach einer halben Stunde Fußweg beschließe ich, dass meine Füße heute kein Mitspracherecht haben und dass auch Schmerz eine Frage der Definition ist. Wenn ich ehrlich sein soll, waren die Schuhe schon nach dem Abspazieren des Champs Elysees etwas unbequem - und das war noch vor der Tour. Ich lenke mich ab, indem ich im Panorama nach goldenen Spitzen suche, die es hier massig gibt und die im Nachmittagslicht besonders schön funkeln und sich nicht an den grauen Wolken zu stören scheinen, die immer wieder über den Himmel ziehen.

An der Seine entlang, irgendwann links ab, jetzt einmal Nebenstraßen, dass sich das Bild ein wenig verändert und plötzlich steht er da. Da, hinter den Kastanienbäumen ragt er groß und gewaltig in den Himmel auf. Er ist tatsächlich so faszinierend, wie alle gesagt haben, ist mein erster Gedanke, bevor ich mich auf eine Bank setze, und einfach schaue. Ich sitze offensichtlich hinter dem Turm, denn die Touristenmassen sehe ich nur von weitem. Moi, j'ai vu la tour Eiffel. Ich bin angekommen.

24.9.09 20:58

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Maike (25.9.09 11:16)
Mal als Off-Topc:
Dein Stil gefällt mir heraustechend gut.


Flaneurika (25.9.09 13:15)
Danke Diese Stadt ist aber auch sowas von inspirierend, da könnte einem glatt schlecht werden, wenn es nicht so toll wäre!


Alessa / Website (25.9.09 18:14)
Sehr schön geschrieben. Willst du das nicht an irgend eine Zeitung weiterleiten?