Romi, Mona und die Linie 14

Manchmal ist Mona schon weg wenn ich am Bahnhof ankomme. Manchmal nehme ich mir auch schon beim Frühstück vor, auf Romi zu warten. Doch gestern war ich wirklich überrascht, von Sarah nach Hause gebracht zu werden. Das ist mir noch nie passiert. Mona, Romi und Sarah sind heiße Ladys: Ständig unter Strom und jeden Tag in Paris unterwegs - zu meinem Glück. Anders als Foot, der sich am Wochenende eine Auszeit gönnt und für mich sowieso nur eine Notlösung, wenn Mona mal wieder weg ist und ich keine Lust habe, 20 Minuten auf Romi zu warten.
RER, wie man sie zusammenfassend auch einfach nennen kann, lässt sich im Deutschen am Besten mit S-Bahn übersetzen. Wieso die verschiedenen Linien so persönliche Namen haben, habe ich leider noch nicht rausgefunden. Aber ich finde es nett, denn wer merkt sich schon eine Verbindung mit der Linie M85-S1-S42-U5 (na? wer weiß welche Strecke das ist?), wenn man stattdessen mit Romi und Mona reisen kann? (Apropos netter Name: Gestern habe ich festgestellt, dass sich in einer Schachtel mit wirklich nettem Aufdruck stinknormale OBs verstecken. Tss! Sowas!)
Der RER ist also meine Lösung für extra faule Tage, an denen ich die Zeit zum Schlafen nutzen will oder wenn ich es nicht besonders eilig habe, nach Hause zu kommen. Zwar habe ich mich auch schon von der sagenhaft schnellen Metro 14 überzeugen lassen, mit der ich meinen Heimweg fast 15 Minuten schneller zurücklege, aber im Gegensatz zu den vollgestopften Metros ist der doppelstöckige RER C eine echte Erholung. Einsteigen, 35Minuten warten, ankommen. So einfach wie schlechter Sex Pizza backen. Ganz zu schweigen davon, dass ich mir das nervige Umsteigen einmal spare. Denn wer schonmal an einem Pariser Bahnhof umgestiegen ist, weiß: Man legt mitunter KILOMETER zurück. Das ist so stressig, dass im Bahnhof
Chatelet, der ein halbes Stadtviertel untertunnelt, täglich ein Orchester steht und den vorbeiströmenden Menschenmassen Mut und Durchhaltevermögen zuzusprechen versucht... Dann doch lieber 10 Minuten länger und völlig entspannt mit Mona ;-)

Von Kerlen und Körben

Irgendwie habe ich ja schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit einem dampfenden Teller Grießbrei vor dem Rechner sitze und mir Serien reinzieh, anstatt da zu sein, wo das wahre Leben spielt. Aber auf der anderen Seite war ich da gestern und es muss ja auch irgendwie einen Ausgleich geben, oder nicht?Ich habe tatsächlich Muskelkater vom Tanzen gestern Abend. Von halb eins bis um halb 4 habe ich (fast) die ganze Zeit durch getanzt. 

Die Pariser Clubs ködern wahrscheinlich die meisten Gäste mit Specialaktionen wie "freier Eintritt für Mädels vor 00:30h" - und das ist selbst mit Essengehen und Cocktails trinken vorher noch zu schaffen, zumal mehr Geld dafür übrig ist, wenn man weiß dass man sich den Eintrittspreis von 10-20€ spart. Langsam habe ich ein Verständnis dafür, dass Männer oft mehr verdienen... immerhin müssen sie ja auch mehr ausgeben ;-) 

Das Paris Bodega ist ein zweistöckiger Club, dessen Tanzfläche groß genug ist, um richtig Stimmung aufkommen zu lassen und klein genug um sich schnell zu füllen und peinlichen Einzeltänzern auf leerem Raum keine Chance zu geben. Toll auch das Publikum: Eine angenehme Mischung aus Heteros und Schwulen, was es selbst einer Gruppe Mädels ermöglicht, ziemlich lange ungestört zu rocken, ohne von nervigen Typen angegraben zu werden. Allerdings gilt das auch umgekehrt - Flirten ist hier ein bisschen kniffliger, trifft doch Murphys Law zu, dass die hübschesten Kerle auf der Tanzfläche GARANTIERT schwul sind. Andererseits - interessante Erfahrung nach langem Flirt mit Blicken queer durch den Raum einen Korb mit der Begründung zu kriegen: Mein Freund steht da drüben... Ich akeptiere: Dagegen hab ich tatsächlich keine Chance. emotion

Ich hab das Paradies entdeckt...

Immer wieder zieht es mich nach Chatelet. Tagsüber wie auch abends ist es eine meiner liebsten Ecken zum Bummeln, Schlendern und Leute beobachten. Und immer wieder entdecke ich neue Einzelheiten. So steht parallel bei den kleinen Gassen zwischen Centre Pompidou und Réaumur nicht nur für die Lage sondern auch für die Ausrichtung. Fast schon frustriert kamen wir aus der Rue St.Denis raus, die hinter Les Halles (man spricht es übrigens lé all aus, frag mich nicht wo die übliche Bindung da bleibt!) in ein Gewirr aus billigen Ramschläden mündet. Doch nur eine Queerstraße weiter dann ein Diesel-Outlet, individuelle Boutiquen (leider schon geschlossen) und ein Laden in dem die Schuhe bei Größe 35 anfangen. Man sollte dazu wissen, dass Regine Schuhgröße 37 und ausschließlich Markenjeans trägt. ("Ich habe das Paradies entdeckt!"

Als wir endlich Chris und seine Schwester im Chevalier, gegenüber des Centre Pompidou treffen, haben die ihre Cocktails schon ausgetrunken und sind gerade am Aufbrechen. Die Preise dort sind an die Touristen angepasst (8€ für einen Cocktail ohne, 9€ mit Alkohol) aber die gemütliche Atmosphäre wird von dem dicken Jazzsänger unterstützt, der uns mit seinen Songs überzeugt, bei nächster Gelegenheit hierher zurück zu kommen.

Ich ergebe mich dem Gruppenzwang als der allgemeine Hunger laut wird und die Entscheidung auf Sushi fällt.  Es gibt keine Speise, die mich weniger anmacht als roher Fisch oder pappiger Reis, der nach rohem Fisch schmeckt. Trotzdem steuere ich mit den anderen die Rue Montorgueil an, die jetzt am Abend von plappernden Menschen in Bars und Restaurants bevölkert ist. Sushi Planet, mit der beeindruckenden gift-rosa Beleuchtung ist voll (zu meinem Glück) und wir finden einen Asiaten in einer Seitengasse, wo man in einer Laube versteckt direkt an der Straße sitzt und außer Sushi auch gebratenen Fisch und Fleisch am Spieß bekommt. Regine und ich haben vor einer Stunde erst Crêpes verdrückt und teilen uns eine Yaritaki Mixte für 11,50€. Macht ausreichend satt und die Mischung stimmt auch. Eine schöne Überraschung beim anschließenden Absacker: Der bestellte Pastis ("ich gönn mir heute mal was!" kostet weniger als das Glas Bier - und hält dank der mitgelieferten Flasche Wasser mindestens so lang. Ich werde wohl ab jetzt häufiger "typisch französisch" trinken.

Decouvrir Paris - die lang versprochene II.

Boaahh, da will man einmal fleißig sein, das schlechte Gewissen beruhigen und endlich die Ereignisse der letzten Wochen zu Papier Bits'nBytes bringen, da hängt sich erst der PC und nach einer gründlichen Reinigung dann auch noch das Schreibprogramm auf. Da vergeht einem doch glatt die Lust *grummel*. Aber da ich in den zwei Sätzen, die mir das Schei  Office noch gestattet hat, hoch und heilig einen ausführlicheren Bericht versprochen habe, muss ich mich jetzt wohl dran halten. Eigentlich sollte dieser Text ja schon gestern erscheinen, aber der Feiertag hat mich erfolgreich gelähmt und erfolgreich von allen Tätigkeiten abgehalten, die anstrengender waren als Shoppen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Shoppen durchaus stressig sein kan, vorallem wenn man mit so Kriterien unterwegs ist wie "Schuhgröße 38,5 (exakt!), sehr schmal.Stiefel ohne Absatz, mit einem winterfesten Sohlenprofil, die man gleichzeitig zum Rock und zur Hose tragen kann, ohne dabei trampelig oder tussig auszusehen, natürlich am liebsten in Leder für einen Preis der es mir erlaubt, meine neuen Schuhe in den nächsten Wochen auch einmal auszuführen, ohne danach am Hungertuch zu nagen." Alles klar? Zufällig weiß ich, dass es unter meinen Mitlesern auch männliche Schuhfetischisten gibt, weshalb ich an dieser Stelle nicht um Verständnis bitten werde. Ich setze es voraus ;-) Ach ja: Ich war (nach gefühlten Stunden) erfolgreich und wundere mich wieder einmal über unsere wunderbar globalisierte Welt. Oder ist es etwa normal, dass ich erst nach Paris fahren musste, um mir Stiefel eines deutschen Herstellers zu kaufen?

Aber anhand der Tatsache, dass ich einen ganzen Absatz über Stiefel philosophiere, wird wohl schon klar, dass mein gestriger Tag nicht wirklich spannend sondern SEHR faul war. Besser waren da schon die beiden Abende davor. Den Dienstag Abend habe ich mit ca. 45 anderen Leuten in einem winzigen ehemaligen Weinkeller verbracht, in dem Tomislav seine wundersam, nachdenklich-amüsierte Musik präsentierte. Tomislav, das ist ein kroatisch-französischer Alleinunterhalter, der der negativen Konnotation dieses Wortes mit tollen Melodien die Stirn oder besser: die Stimme bietet. Er singt zur Gitarre, bedient mit den Füßen die Percussions und hat in seinem Sortiment nicht nur eine sondern etwa 5 verschiedene Mundharmonikas. Dazwischen zaubert er mithilfe seines Verstärkers auch mal spacige Melodien auf einem kleinen bunten Kinderklavier oder fordert sein Publikum zum Mitsingen auf- die Texte liegen in Gottesdienst-Manier auf den Sitzbänken verteilt. Nicht dass ich auch nur die Hälfte verstanden hätte, aber was ich verstanden habe, waren Texte vom Wegfahren und Wiederkommen (oder auch nicht), vom fröhlich und gefrustet sein, vom Leben wie es eben garnicht so vorhersehbar ist, wie man es manchmal vielleicht gerne hätte. Schön.

Ganz anders als das Musikprogramm am Montag Abend, zu dem ich mich zum Glück spontan überreden ließ. Schon allein wegen des ganzen Hypes um Michael Jackson hatte ich absolut kein Interesse daran, diese kultische Verehrung noch mit meinem Kinobesuch zu unterstützen. Aber es war allemal besser, als den Abend alleine zu verbringen und so habe ich den besten Tanzfilm seit langem gesehen. Kult, übermäßige Verehrung, kommerzialisierter Wahnsinn hin oder her, was für diese Show "This is it" geleistet wurde ist einfach gesagt beeindruckend. In Gedanken an unsere harten Proben um bei Ödipedia die Texte und Bewegungen von 8 Leuten zu koordinieren, verbeuge ich mich tief vor den Tänzern, Musikern und Technikern, die mit einer derart riesigen Crew einen absolut perfektionierte Ablauf trainieren. Ganz zu schweigen davon, dass jedem halbwegs lebendigen Menschen bei diesen Bewegungen und der Musik das Kribbeln in die Zehen schießen sollte. Toll, dass das hier in Paris auch wirklich möglich ist, und der Kinosaal abwechselnd applaudierte, rhytmisch klatschte und natürlich die ganzen Songs mitgesungen hat. Aus meinen Lautsprechern scheppert gerade Jan Delay . Wenn ich an Berlin denke, fürchte ich, dass er Recht hat. Zum Glück kenne ich genügend Ausnahmen der Regel

Jetzt ist mein Text schon ziemlich lang und ihr habt bestimmt keine Lust mehr zu lesen. Und: Ja, das schreibe ich, weil ich gerne schlafen gehen möchte. Aber es gäbe noch so viel zu berichten über  das tolle Wochenende mit meiner Schwester. Wie beschreibe ich diese 2 vollgepackten Tage in wenigen Zeilen? Mhh.. Langersehnte Insiderwitze, Sacré Coeur trotz Regen, Eiffelturm, Oper, Galerie Lafayette, Louvre bei Nacht, Louvre bei Tag, fantastische Crêpes, Shoppen ohne Erfolg, Bummeln mit Erfolg, Grab Jim Morrison auf dem Friedhof Père Lachaise, leckere Burger im Restaurant mit dem Hintern im Namen und Zukunftsplanung im Disney Store am Champs Elysee.  (Dass diese allerdings nicht meine Schwester sondern eine andere, furchtbar liebe Person betrifft, habe ich übrigens erst gestern erfahren. An dieser Stelle daher noch einmal herzliche Grüße an die glückliche bald-Mama. Freu mich von Herzen mit dir und euch!) Tipps und Tricks, wie man ohne lange Wartezeiten ins Louvre kommt und was sich mehr lohnt als die ewige Mona Lisa, sowie Gedanken zu Mona und Romi in Kürze.

Nicht nach Vorschrift

Decouvrir Paris die Zweite muss leider noch ein bisschen warten. Die letzten zwei Wochen waren so vollgepackt, dass an Schreiben nicht zu denken war. Nachdem meine Eltern das letzte Wochenende in Paris verbracht haben, war dieses Wochenende meine Schwester zu Besuch. Für sie war es auch noch der erste Besuch in dieser wunderbaren Stadt und nach einigen Startschwierigkeiten am Freitag Abend zeigte sich auch Petrus versöhnlich und ließ am Samstag und Sonntag ein klein wenig Sonne auf die eiskalten Straßen scheinen. Das Programm war reichlich aber wie gesagt muss die Berichterstattung noch ein warten. Was ich aber nicht mehr zurückhalten kann will, ist die momentane Entwicklung meiner kreativen Pläne für die Zeit nach dem Studium. Das böse Wort namens Zukunft steht wie eine große Wand auch auf meinem Lebensweg und wie immer rase ich mit 180 Sachen voll darauf zu. Doch seit einigen Tagen scheint sich ein Durchgang zu öffnen, der mehr nach meinem Geschmack ist, als die unsichere Endlos-Praktikum-hoffen-auf-ein-Volontariat-s-Schiene. Ja, natürlich werde ich mich auch für PR-Praktika bewerben und versuchen, für Oktober ein Volontariat zu ergattern (natürlich bei Neon!). Und natürlich mache ich auch mit voller Ernsthaftigkeit mein Studium zu Ende. Und selbstverständlich schreibe ich dies alles nur so ausführlich auf, um euch noch ein wenig auf die Folter zu spannen ;-)

Jetzt aber: Die eigentliche Neuigkeit ist das Einverständnis meiner Eltern, mich noch einige (wenige) Monate NACH meinem Studium durchzufüttern, wenn ich tatsächlich den Mumm haben sollte, mich an mein erstes, richtiges Buch zu wagen. Eure Kommentare und die Erlebnisse der letzten Monate haben mich ermutigt, dieses Projekt ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Meine geliebten Ödipediaten und wer mich sonst noch länger kennt, wird ungefähr wissen, worum es geht. Doch mehr verrate ich an dieser Stelle noch nicht. Sonst kauft ja keiner mehr mein tolles Buch, wenn es erst einmal veröffentlicht wurde und ich damit reich und berühmt werden will.

P.S.: Ja, ich denke, dass es ohne ein bisschen Größenwahn nicht möglich ist. Also unerstützt mich bitte kräftig oder haltet mich auf, solange ihr noch könnt ;-)

Decouvrir Paris I

Ach du Schreck, es ist tatsächlich schon beinahe zwei Wochen her, seit ich zum letzten Mal geschrieben habe. Ich bin versucht zu behaupten, es sei nichts außergewöhnliches passiert, nichts, worüber es zu berichten gibt – oder wenigstens nichts, was ich so öffentlich machen möchte ;-) aber das ist natürlich Quatsch. Bei Licht betrachtet gibt es jede Menge zu erzählen und ich werde versuchen, die schönsten Erlebnisse zusammenzufassen.
Da ich mir eine schöne Neuigkeit für den Schluss aufheben möchte, beginne ich mit dem schönsten Wochenende, also dem eben vergangenen. Ob ich die ganzen tollen neu entdeckten Orte in einem Beitrag unterbringe? Da wären zum Beispiel der Friedhof Père Lachaise, an dem man zum Grabstein von James alias Jim Morrison, Edith Piaf oder Honoré Balzac pilgern kann – oder einfach wundervolle Bilder machen. Da gibt es das kleine afrikanische Restaurant Chez Aida, in dem die Chefin statt einer Speisekarte eine persönliche Empfehlung an den Tisch bringt. Toll ist auch das Showcase, bei dem man sich wenigstens einmal auf die Gästeliste setzen lassen sollte, um feine elektronische Musik in einer beeindruckenden Architektur zu erleben.  Idealerweise lässt man sich hier natürlich auch von einem neureichen Millionär begleiten, der die Flasche Champagner ab 250€ aus der Portokasse zahlt. Wer gerade keinen im Freundeskreis hat, trinkt Smirnoff Ice (mit 8€ im Pariser Mittel...).

Am Sonntag früh geht es auf den Markt an der Bastille um Obst, Kräuter oder frischen Fisch zu vernünftigen Preisen zu kaufen, mit denen man am nächsten Tag die besten Lachsnudeln der Welt kochen kann. Wieso erst am nächsten Tag? Weil man sich am ersten Sonntag des Monats den Bauch alternativ in der besten (algerischen) Patisserie der Stadt mit gebackenen Teigtaschen oder eine Straße weiter im Alimentation Generale mit Couscous vollschlägt (im Eintritt inklusive). Die Live-Musik hier sorgt garantiert dafür, dass man die Kalorien sofort wieder wegtanzt und Platz schafft für Datteltäschchen, Pistazienrollen oder frisches Baklava, das man sich vorher bei Bague de Kenza geholt hat. Wer glaubt, die süßen Leckereien seien mit rund 2€ pro Stück teuer, sollte beachten, dass man nicht mehr als 2 nacheinander essen kann. Ehrlich! Es geht nicht! Selbst wenn man wollte ... und man will bei dem Anblick der köstlichen Gebäckberge

Da ich aber im nächsten Monat auf trocken Brot kauen werde, wenn ich weiterhin meine Arbeitszeit nutze, um euch diese Zeilen zu schreiben, gibt es hier eine Pause. Wer die guten Neuigkeiten erfahren will, muss sich noch etwas gedulden. Nur so viel sei verraten: Es freut besonders diejenigen unter euch, die von meinen Texten noch nicht genug haben...

Letzte Herbstsonnenstrahlen

Ich sitze vor dem Louvre mit Blick auf die Parkanlage. Die Lust aufs Fotografieren ist mir beim Anblick der Touristenmassen vergangen, blitzt doch an jeder Ecke ein Kameraobjektiv in die Sonne. Ich kann dem akurat angelegten Park voller Menschen nichts Ästhetisches abgewinnen. Mir fehlt es an Ecken und Kanten. Das wirklich interessante hier, die vielen Gesichter mit ihren verschiedenen Ausdrücken, traue ich mir noch nicht zu, mit der Kamera einfangen zu können. Etwas halbherzig habe ich ein paar Bilder der bunten Segelboote gemacht, die die Kinder auf einem winzigen Teich –man sollte beinahe sagen Wasserloch- treiben lassen. Für 2€ pro Stunde bekommt man einen langen Stock von einem kleinen Mann, dessen Gesicht nicht verrät, ob seine Runzeln ­60 oder 80 Jahre alt sind. Das ist wohl auch egal, denn sein Geschäft scheint zeitlos gut zu gehen. Bestimmt zehn Kinder stehen mit dem Stock in der einen und einem elterlichen Rockzipfel in der anderen Hand am Wasser und versuchen, ‚ihr’ Boot durch fleißiges Anstupsen anzutreiben. Nicht, dass das nötig wäre; der Wind ist so stark, dass mir nur wenige Sekunden blieben, den Kamerafokus auf eines der farbenfrohen Segel zu richten, bevor es vorbeischwimmt. Und was am Ufer hängen bleibt, kann selbst ein kurzes Kinderärmchen problemlos wieder anschieben. Ich frage mich, ob der Vater des Stock-Verleihers Kreisel und Peitschen verliehen hat, oder was auch immer die Kinder seiner Zeit als Spielzeug hatten.

Es wird plötzlich kühl. Ist es wirklich schon so spät? Ach nein, die Sonne gönnt sich nur eine kurze Auszeit hinter einer Wolke. Einer ziemlich großen Wolke. Mist. Wenn die nicht bald weiterzieht, muss ich es tun, damit mein Husten nicht in letzter Minute noch zu einem Fieber wird, anstatt endlich abzuklingen. Im Moment klingt leider nur eines: Meine Stimme. Und zwar wie die einer 40jährigen Nachtclubsängerin nach ihrer Schicht... Kopfschmerzen habe ich auch schon, aber die schiebe getrost auf den Schlafmangel und die viel zu laute Elektromusik im Ich war letzte Nacht nämlich in einem richtigen Pariser Edelschuppen, zumindest ließen Preise und Interieur darauf schließen. Das Publikum war leider weniger edel und die Musik weder tanzbar noch mitreißend. Von der Kunst des Mischens hatte der jugendliche DJ offensichtlich auch noch nicht allzu viel gehört, sodass selbst auf einer vollen Tanzfläche lange Zeit wenig Stimmung aufkommen wollte. Die Atmosphäre war stattdessen geprägt von der selbstverliebten Arroganz junger Schnösel (und solchen, die sich auch weit nach der 40 noch als solche geben), die gerne übersehen, dass guter Geschmack mit (Papis) Geld nicht zu kaufen ist. Oder passt man sich irgendwann an, wenn man lange genug mit Unverschämtheiten konfrontiert wird? (10€ für ein kleines Bier ist frech. Aber an der Garderobe eine Handtasche aus dem Mantel zu nehmen und als Extra-Teil mit 3€ zu berechnen finde ich dreist!)

Während ich meinen Gedanken nachhänge, ist es tatsächlich kalt geworden. Die Strickjacke unter meinem Po verhindert nicht mehr die Gewissheit, dass ich auf einer Steinmauer sitze und auch meine Füße beschweren sich, dass sie statt in dicken Stiefeln nur in Pumps stecken. Von irgendwoher weht der süße Duft heißer Maroni, die hier an jeder Ecke auf  ausrangierten Einkaufswagen fahrbaren Imbissbuden über leeren Blechtonnen Holzkohleöfen geröstet werden. Ein angenehmer Kontrast zu der stinkenden Mülltonne, die zwei Meter von mir entfernt steht und meiner Nase bei jedem Windhauch ungefragt Auskunft über ihren Inhalt gibt. Ich habe große Lust auf einen heißen Crêpe mit Maronenpaste und Kokos. Direkt neben der Metrostation Bir-Hakeim habe ich vorgestern einen solchen Seelenschmeichler verdrückt. 3€ für einmal Abendessen inkl. 1x warm-im-Bauch finde ich nicht schlecht. Mhhh - ich muss los...