Meine eigene Zeitrechnung

Ich denke nicht mehr in Tagen sondern in Monaten:

Es ist über ein Monat vergangen, seit ich meinen letzten Eintrag geschrieben habe. In etwas weniger als einem Monat werde ich meine Möbel, 15 Kisten, Laptop und was von meinen Zimmerpflanzen noch übrig ist in einen Wagen packen und Berlin ebenso schnell wieder verlassen, wie ich es erreicht habe. Naja, äußerlich zumindest. Und mit ein bisschen mehr Gepäck. In 3 Jahren habe ich fleißig an meinem Hausstand gearbeitet und werde mich bestimmt nicht von Geschirr&Co trennen, nur weil ich es die nächsten 6 Monate voraussichtlich nicht nutzen muss.  Äußerlich ist also bald wieder alles beim Alten: Ich werde mich abmelden, wenn ich das Haus verlasse und ich werde beim Knutschen die Ohren spitzen, ob sich auf der Treppe etwas rührt. (Einmal von Mama erwischt werden, reicht für ein Leben völlig aus...)

Mit dem Übertreten der elterlichen Hausschwelle ziehen wir die Rolle wieder an, die wir in vielen Jahren aufgebaut, erkämpft und in Teilen vergeblich abgelehnt haben. Doch welcher Teil dieser Rolle gehört noch zu mir und was habe ich in 3, fast 3 1/2 Jahren auf dem Weg gelassen, abgelegt und aufgenommen? Ich weiß, dass dieses Haus mich jahrelang geprägt hat, sicher mehr als alles andere was mir bewusster, weil präsenter ist. Nicht in Paris, sondern noch viel mehr nach meiner Rückkehr bemerkte ich meine "typisch deutschen" Angewohnheiten und stellte mit großen Augen fest, was alles selbstverständlich scheint... Jetzt bin ich gespannt auf meine Rückkehr in die Heimat , denn dort erst werde ich sehen, was sich verändert hat - an mir und in mir und um mich herum. 

Manches hat sich nicht verändert, aller Aufregung in soo vielen Monaten zum Trotz. Und ich habe das seltsame Gefühl, dass es immer so bleiben wird egal was passiert. Ob das gut oder erschreckend ist, bleibt abzuwarten, Herr Igel.

Dezemberträume...(special edition)

Oder: Zwischen den Zeilen

... sind helle Sterne in der Nacht (naja, wenn man bedenkt, dass es schon um 16:30 dunkel ist, hat man das auch bitter nötig!),emotion  sind aus Musik und Licht gemacht (zum Licht s.o. Das mit der Musik stimmt allerdings: Heute Abend steht König der Löwen auf dem Programm *hurra*)emotion. Sie leuchten uns ins Herz hinein (ich würde ja zur Zeit eher behaupten, mein Herz leuchtet von sich aus)emotion, bei Sternenglanz (nicht besonders kreativ dieser Autor!)emotion und Kerzenschein (und dem Glühen von Shisha-Kohle. Ganz wichtig! Seit zwei Tagen weiß ich nämlich, dass es tatsächlich leckeren Weintrauben-Tabak gibt! Ehrlich! Original aus Saudi-Arabien importiert und in Europa kaum im Laden zu bekommen. Connections muss man haben...)emotion. Und es geschieht, dass man noch Wunder sieht. (ähm, das hat jetzt aber nichts mit der Shisha zu tun...) emotion.

Nein, ich habe nicht völlig den Verstand verloren. Aber nachdem ich von meinem Arbeitsplatz den ganzen Tag das tolle Schneetreiben vor meinem Fenster beobachtet habe, fühlte ich mich zu einem kleinen Weihnachts-Special inspiriert.emotion Nehmt es mir nicht übel emotion.

Entdeckungen bis zum Schluss

Oder: Verflixt teurer Tee

 Die Abschiedsphase ist offiziell angelaufen. Beinahe jede Verabredung diese Woche ist ein Abschiednehmen, ein letztes-Mal-zusammen-Weggehen oder auch ein schnell-noch-machen-bevor-ich-abreise. Wie Shoppen mit Karin zum Beispiel. Oder Essen gehen mit den Kolleginnen. Oder eine chinesische Teeprobe mit Phil machen. Letzteres stand heute auf der Tagesordnung. Unerwartet, wie ich gestehe. Von außen sieht der Teeladen am Place Monge nämlich ziemlich unspektakulär aus: Holzstühle statt niedlicher bestickter Bodenkissen, große, kühle Glasfenster statt kuscheliger Vorhänge und, naja das große Regal voller Teedosen ist ja nun nicht so sehr besonders. Wobei der Name "Maison des trois thés" ja nun etwas untertrieben ist. Nicht drei sondern etwa 130 Teedosen stehen hinter der Theke bereit. Besonders ist allerdings, dass man klingeln muss, um eingelassen zu werden und beim Eintreten freundlich darauf hingewiesen wird, dass die Herrschaften in einer Stunde schließen. Wieso das so wichtig ist, lernen wir erst, als wir kleine Holztabletts mit winzigen Tässchen duftender Teeblätter vor uns stehen haben und uns die nette Kellnerin das Prozedere für jeden Tee einzeln erklärt. Wir haben uns zuvor als Laien geoutet, ihren mitleidigen Blick geschluckt und die Karte für uns als unbrauchbar erklärt. Letztere ist vergleichbar mit einer gut sortierten französischen Weinkarte - mit dem einzigen Unterschied, dass die Namen alle auf chinesisch eingetragen sind. (Die Übersetzung in lateinische Schrift hilft da leider wenig). Die Preise sind jedoch tatsächlich ähnlich und ich lerne erstaunt, dass man tatsächlich weit über 100€ für eine Portion Tee (nein, nicht für die 200g-Packung!) bezahlen kann. Für den Anfang reicht uns der weiße tshing yung ban (oder so ähnlich) für 11€. Er kommt in einer zarten weißen Tasse mit einer großen Kanne heißem und einem kleinen Kännchen kaltem Wasser, damit die feinen Blättchen nicht beim Aufgießen verbrannt werden. Phils schwarzer Tee dagegen wird nicht nur heiß aufgegossen sondern das Kännchen selbst wird noch einmal mit kochendem Wasser übergossen, damit die Blätter schön ins Schwitzen kommen. Wie bei einer Weinprobe wird zuerst am Tee, später an der leeren Tasse geschnuppert und wir stellen erstaunt fest, dass der rauchig-herbe Tee einen süßen, honigartigen Duft zurücklässt. Die Stunde geht viel zu schnell vorbei und ich habe meine zweite Portion gerade erst aufgegossen, als die Geschäftigkeit um uns herum immer deutlicher wird. Die Chefin ist offensichtlich am Aufräumen und wir verstehen den Wink. So ziemlich jede Faser meines Körpers sträubt sich nach diesem mummelig warmen Zeremoniell in die Winterkälte hinauszutreten und ich versuche angestrengt, mich mit Gedanken an die Tadschikische Teestube in Berlin aufzuwärmen. Klappt noch nicht so gut. So ganz bin ich in Gedanken eben noch nicht zu Hause. Und das ist gut so, denn ich will meine Zeit hier bis zur letzten Minute genießen.

Maison des trois thés: 1,rue Saint-Médard, 75005 Paris. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 11-19:30h. Teezeremonie von 13-18:30

karrieregeil?

Ab Januar werde ich also wieder im Sprachenzentrum hinter der Theke stehen, Sportler-Kaffee trinken und Erasmus-Studenten zum Fremdsprachenlernen beraten. Doch das ist nur ein kurzer Zwischenschritt vor meinem nächsten größeren Plan. Seit zwei Tagen habe ich die Zusage für ein Praktikum beim Tourismus Marketing Baden-Württemberg in -na wo wohl? - meiner Geburtsstadt. Ich werde also zum 01.März erstmal wieder bei meinen Eltern einziehen. Da bin ich ja schon mal gespannt, wie das nach 3 1/2 Jahren alleine wohnen aussehen wird.Natürlich freue ich mich, meine Familie nach so langer Zeit mal wieder regelmäßig in "Reichweite" zu haben aber mein Dickschädel ist bestimmt in den letzten 3 Jahren nicht kleiner geworden... trotz des fleißigen gegen-Wände-Rennens ;-)

 Der schöne Nebeneffekt dieses Praktikums ist neben der Nähe zu alten Freunden und meiner Familie auch die Nähe zu Paris. 3,5h braucht der TGV von Stuttgart in meine aktuelle Lieblingsstadt. (bevor hier Proteste kommen: Heimsheim läuft außer Konkurrenz. Die Town of the world bleibt eh ungeschlagen). So wird aus einer Fernbeziehung wenigstens eine nicht-mehr-ganz-so-fern-Beziehung, die sich 6 Monate lang einer besonderen Belastungsprobe stellen kann.

Doch es bedeutet auch mit einer großen Wahrscheinlichkeit einen Abschied von Berlin. Immerhin soll dieses Praktikum ja in einen Job und nicht in weitere Praktika führen. Für letzteres ist Berlin großartig geeignet, beim Ersten bin ich mir da nicht ganz so sicher. Und so werde ich schweren Herzens einige wunderbare Menschen in Berlin zurücklassen, mit denen ich das verbinde, was man in einigen Jahren vermutlich als "beste Zeit seines Lebens" bezeichnet. Würde das gerne noch ein paar Monate oder Jahre erhalten aber so ganz ohne Weiterentwicklung ist ja auch blöd oder? Und daher schiebe ich jetzt schnell ein paar Jahre Karriere ein, bis Maren und Alessa wir alle so erfolgreich sind, dass wir eine große Kommune mit eigenem Hammam bauen können *hurra* Andererseits: Hammam? Mein Freund ist Marokkaner... (mit dieser Info macht jetzt was ihr wollt)

Sie rast!!!

Täglich wird mir bewusst, wie schnell mein Aufenthalt hier vergangen ist ud dass ich in wenigen Tagen mit meiner Family unter dem Weihnachtsbaum sitzen werde. So richtige Weihnachtsstimmung will trotzdem nicht aufkommen, obwohl ich am letzten Wochenend von netten Menschen mit reichlichst Glühfix und Lebkuchen ausgestattet wurde. Zum Glück. Denn das Backen werde ich vermutlich auf das Frühjahr verschieben müssen. Der Mikrowellen-Backofen habe ich nach einer Ladung halb-verbrannten-halb-unfertigen Nussecken den Krieg erklärt und nutze sie jetzt nur noch für Hilfsarbeiten wie Milchkochen! So!

Nun ja, ich habe auch nicht so viel Zeit zul Kekse backen, ich geb's ja zu und geschehe zu meiner Schande dass es nicht an den tollen Pariser Museen liegt. Dabei war der Besuch im Technikmuseum Arts et Metiers am letzten Sonntag echt interessant. So schön kann ein Notfallplan aussehen. Weil Andy so enttäuscht war, dass das Centre Pompidou ausgerechnet an seinem Besuchswochenende bestreikt wurde, hab ich ihm nicht verraten, dass ich ganz froh war, mir statt moderner Kunst altmodische Mechanik anzusehen.

Aber dass ich keine Kekse backe, nun das liegt wohl eher daran, dass ich jede freie Minute mit Abdo (so die Kurzform. trotz kräftigen Trainings spreche ich seinen Vornamen immernoch nicht ganz richtig aus.Vom Nachnamen ganz zu schweigen...) verbringe und gleichzeitig versuche an meiner französischen Grammatik und der arabischen Aussprache zu arbeiten. Ich glaube, ich habe meine Nebenbeschäftigung für meine letzten zwei Monate im SLZ gefunden. Nach meinen zaghaften und schnell versickernden Versuchen, bereits im Sommer Arabisch zu lernen, habe ich jetzt eine echten Anreiz dafür! 

Stoff, aus dem Träume sind...

...bietet Paris ja nun wahrlich genug! Zwischen Fotografieren, Sightseeing, Arbeiten und Feiern hatte ich kaum Zeit darüber nachzudenken, dass ich das größte Klischee dieser wundervollen Stadt noch nicht erfüllt habe. Bis jetzt. Seit wenigen Tagen hängt mein Herz noch stärker in Paris, genauer gesagt in Ivry Sur Seine fest. Und wieder einmal ist bestätigt, dass Armor uns in dem Moment erwischt, wenn wir es am wenigsten erwarten. In meinem Fall war es der Heimweg von der Arbeit. Und mal ehrlich - ich sah an diesem Abend wirklich sch nicht ganz so gut aus. Haare mittelmäßig, Outfit laaangweilig. Trotzdem war da ein Blick, eine kurze Verständigung ohne Worte... und später ein Abendessen, eine Nachricht, ein Shisha-Abend. Und jetzt? Jetzt bin ich glücklich. Einfach so.So einfach kann das sein in der Stadt der Liebe.

That's what friends are for..

... ein Freundin ist jemand, die 1000km fliegt, um dich zu besuchen und dann nicht beleidigt bist, wenn du am Ankunftsabend völlig k.o. bist, sie am nächsten Morgen um 7 weckst, weil du noch zur Arbeit musst und ihr anstelle des hippen Pariser Nachtlebens (unfreiwillig!) einen ziemlich lahmen Schuppen präsentierst. Dafür hat man sie so gern, dass man ihr die besten Crêperien der Stadt zeigt (die dann natürlich geschlossen sind *grummel*), ihr den Trick verrät, wie man nach dem Aufstieg zum Sacre Coeur noch genügend Luft hat, mit den Straßenmusikern zu singen (die Seilbahn funktioniert mit dem Metroticket!) und sich bereit erklärt, nach einem viel zu kurzen Wochenende die nicht verschickten Postkarten für sie einzuwerfen.

Das Wochenende mit Alessa war so schön wie ein Wochenende mit einer lieben Freundin nur sein kann und selbst das Wetter hat bis heute Nachmittag mitgespielt. Wir hatten sogar noch Zeit für ein kurzes Fotoshooting. Mal wieder habe ich gemerkt, wo ein großer Teil meiner Fotobegeisterung herkommt. Eine kleine Auswahl der schönsten Bilder habe ich online gestellt.

Was als Wehmutstropfen bleibt: Diese 3 Tage haben mir wieder das beste Argument für eine Rückkehr nach Berlin vor Augen geführt. Ein paar wenige Personen, die ich mir noch backen müsste, wenn es sie nicht schon gäbe , die genauso verrückt sind, wie ich es mag und die mich beinahe so gut kennen, wie meine eigene Familie (und mich trotzdem mögen). Menschen wie sie findet man nicht oft im Leben und hier in Paris habe ich noch niemanden wie sie gefunden. Nun brauchen solche Dinge Zeit und langsames Vertrauen. Wahre Freundschaft kennt keine Entfernung. Jaja. Schon klar. Doch lege ich meinen Kopf lieber an eine Schulter mit vertrautem Geruch, anstatt auf meine Tastatur. Tolle Stadt oder tolle Freunde? Die Entscheidung fällt erst im nächsten Jahr. Es wird keine leichte.